Fehler
  • Der Administrator hat den Zugriff auf diese Website für Sie gesperrt

RAD-DIVISION "F. L. Jahn"

 

Die Infanterie Division „Friedrich Ludwig Jahn“ - „Hitlers letzte Hoffnung“

Die als „Armee Wenck“ bekannte 12. deutsche Armee ist erst im Frühjahr 1945 formiert worden und hatte die aussichtslose Aufgabe, in Mitteldeutschland an zwei Fronten die schon zum Herz des damaligen Reiches vorgedrungenen Gegner aufzuhalten. Für diese Armee wurden alle erdenklichen personellen Reserven mobilisiert, Jugendliche aus dem Reichsarbeitsdienst (RAD), Ausbilder aus den inzwischen aufgelösten Waffenschulen, halbwegs genesene Kriegsverletzte und Angehörige rückwärtiger Dienststellen.

Am 30. März 1945 erfolgte der Befehl, als 35. und damit letzte Welle drei Divisionen aufzustellen, die aus dem RAD zu rekrutieren waren.1 Eine dieser Infanteriedivisionen hatte als Aufstellungsort den Truppenübungsplatz Jüterbog zugewiesen bekommen und trug in der Planungsphase zunächst noch die Bezeichnung „Infanteriedivision z.b.V. 2“.

In dem Sinne hatte der Reichsarbeitsführer am 31. März 1945 folgenden grundsätzlichen Befehl erlassen:

„Der Führer hat die Aufstellung von 3 RAD-Infanterie-Divisionen angeordnet. Davon werden 2 Divisionen sofort aufgestellt. Die Aufstellung der 3. Division wird gesondert befohlen.

1. Die Aufstellung erfolgt auf den Truppenübungsplätzen Munsterlager bei Soltau/Hann. und Jüterbog. Sie muß am 8.4. beendet sein.

2. Der Reichsarbeitsdienst stellt je Division:

Führer der oberen und mittleren Laufbahn für Offiziersstellen in noch festzulegendem Umfange, bis zu 1500 Führer der unteren Laufbahn,

2500 Hilfsausbilder (zum Teil als Unterführer vorgesehen),

3500 Arbeitsmänner.“

Josef PECHMANN, ehemaliger Angehöriger der Division „Jahn“ und Chronist dieses Verbandes, erklärt, daß zwar das Personal der Division mehrheitlich vom Reichsarbeitsdienst gestellt worden ist, dennoch die Bezeichnung RAD-Division unzutreffend sei, da es sich nicht um einen Verband des RAD, sondern um eine allgemeine Division der Wehrmacht handelte.

Vor allem auf Grund der günstigen Verkehrslage war Jüterbog als Standort für die 2. Division vorgesehen worden. Der Oberbefehlshaber des Ersatzheeres (ObdE) notierte, daß der Chef des Oberkommandos der Wehrmacht zwar die personelle Aufstellung der Divisionen ohne Rücksicht auf den Ausbildungsstand bis zum 15. April abgeschlossen haben will, „einsatzbereit können diese Divisionen frühestens am 15.5. betrachtet werden“. Er mußte abschließend feststellen: „Bei den RAD-Divisionen kann von kurzfristiger Schaffung kampfkräftiger Verbände somit nicht gesprochen werden.“ Wie die weitere Darstellung zeigt, sollte er durchaus recht behalten.

Der ObdE erteilte dem Wehrkreiskommando III, in dessen Verantwortungsbereich der Truppenübungsplatz Jüterbog lag, den Befehl: „Durch W.Kdo.III ist mit Unterstützung des RAD die Inf.Div. z.b.V.2 bis 15.5.45, 24.00 Uhr, auf Tr.Üb.Platz Jüterbog aufzustellen.“

Die Besetzung der Offiziersstellen sollte das Personalamt vom Oberkommando des Heeres (OKH) im Einvernehmen mit dem RAD vornehmen. Arbeitsdienstführer HIERL war sich bewußt, daß eine „Durchsetzung mit fronterfahrenen Offizieren und Unteroffizieren unerläßlich“ sei. Doch war es sein Wunsch, daß das Offizierskorps der Division mit wehrdienstleistenden RAD-Führern ergänzt werden sollte, wobei er forderte, daß seine RAD-Führer nicht ausschließlich in dem Dienstgrad, den sie im Reserveverhältnis der Wehrmacht bislang erreicht hatten, eingesetzt werden, „sondern nach ihrem im RAD erwiesenen Können, Führungsbefähigung und Einsatzbereitschaft...“ In Präzisierung der o.g. Zahlen hatte nun der RAD 2000 Unterführer, 2000 Hilfsausbilder vom Jahrgang 1927 und 3500 Mann der Jahrgänge 1925/28, also auch17-jährige Jungs, zu stellen. Das restliche Personal mußte das Wehrkreiskommando III „unter Rückgriff auf Ersatzpersonal aller Art mit einer Grundausbildung von mindestens 8 Wochen“ aufbringen.

Den ersten Grundstock bildeten Teile der 251. Infanterie-Division (I.D.), die am Abend des 5. April 1945 in Jüterbog eintrafen. Die Division war bei Warschau und auf dem anschließenden Rückzug nach Westpreußen so aufgerieben worden, daß sie im März aufgelöst werden mußte. Nun hatte das übrige nach Jüterbog verbrachte Stabspersonal den Auftrag, in Zusammenarbeit mit dem RAD und der Führungsreserve des Wehrkreiskommandos III die „Inf.-Div.z.b.V.2“ aufzustellen.

Ab dem 7. April trafen aus verschiedenen Richtungen, vor allem aus dem Süden des Reiches, Züge mit RAD-Angehörigen ein. In einem der ersten saß Heinz-Günther LORENZ, kriegsversehrter Arbeitsdienstführer.

Die Division war auf eine Sollstärke von 9 700 Mann festgelegt. Im Laufe des April kamen 8013 Mann vom RAD, „davon 110 Führer für Offiziersstellen und ein Beamter“. Die restlichen Mannschaften zur Erreichung der Sollstärke stellte die Personal-Einheit (PE) der Heeres-Artillerie-Korps und die PE der Panzerjäger. Der Divisionsstab kam vom Feldheer. „Dabei handelte es sich um den kompletten Stab der zerschlagenen 251. I.D., ca. 200 Mann.“

In einem der vielen Züge mit Mannschaften für die Division war Egon HARTMANN, zuletzt Hauptvormann beim RAD. Zusammen mit drei anderen aus Wien stammenden Hilfsausbildern vom Arbeitsdienstlager Kuttenplan bei Eger reiste er an. Das war nach seiner Erinnerung rund eine Woche vor dem Bombenangriff auf die Jüterboger Bahnanlagen, also um den 11. April 1945.

Nach den Unterlagen des Deutschen Roten Kreuzes, Suchdienst München bestand die Division zum Abschluß ihrer Aufstellung aus folgenden Verbänden und Einheiten:

- Divisionsstab,

- Grenadier Regiment 1,

- Grenadier Regiment 2,

- Grenadier Regiment 3,

- Feldersatzbataillon,

- Artillerie Regiment,

- Pionierbataillon,

- Grenadierersatzbataillon,

- Füsilierbataillon,

- Nachrichtenabteilung,

- Nachschubkompanie und

- Sanitätskompanie.



Etwas abweichend davon hat J. PECHMANN nachstehende Zusammensetzung der Division ermittelt. Demnach besaß der Verband drei Grenadier Regimenter zu je zwei Bataillonen. Jedes Bataillon hatte drei Infanteriekompanien und eine schwere Kompanie. Außerdem gab es auf Bataillonsebene noch eine weitere schwere Kompanie (Granatwerfer) und eine Panzer-Zerstörer-Kompanie, ausgerüstet mit dem „Panzerschreck“. Das Füsilierbataillon der Division war mit Fahrrädern ausgestattet und bestand aus vier Kompanien. Eine zur Division gehörige Panzerjägerabteilung mit einer gesonderten Panzer-Zerstörer-Kompanie „scheint aufgestellt worden zu sein“. Das Artillerie Regiment hatte zwei oder drei leichte Abteilungen zu je drei Batterien und eine schwere Abteilung mit zwei Batterien. Wahrscheinlich handelte es sich um das Heeres-Artillerie-Korps 411, das der Division angegliedert worden ist. Ch. SCHÜRDT schreibt, daß viele Offiziere Träger hoher Orden waren, beispielsweise auch Ritterkreuze. „Die Unteroffiziere rekrutierten sich - neben Arbeitsdienstführern - aus Fahnenjunkern der allgemein aufgelösten Kriegsschulen.“ Auch die Geschützführer und -bedienungen waren zumeist Soldaten und wurden nur teilweise in weniger wichtigen Stellungen durch RAD-Angehörige ersetzt. Das Pionierbataillon war in drei Kompanien gegliedert. Dazu hatte die Division noch eine Nachrichten-Abteilung und ein Versorgungsregiment.

Zum Thema Ausrüstung, Waffen und Gerät stellt PECHMANN fest, daß, insofern es überhaupt noch beschafft werden konnte, es nicht von minderer Qualität war. „... es klingt unwahrscheinlich...: Auch nach 5 ½ Jahren Krieg und im letzten Monat vor Kriegsende war die Ausrüstung der RAD-Inf.-Div. „Friedrich Ludwig Jahn“ zwar zusammengewürfelt, aber nicht behelfsmäßig, sondern modern.“ Der Kommandeur des Füsilierbataillons Major JAEGER berichtete, „daß seine Kompanien vollständig und einheitlich mit Gewehr 98 k, Schießbecher, Pistole 08, Sturmgewehr, Panzerfaust und Panzer-Gretchen, M.G. 34 und M.G. 42 ausgerüstet waren. Seine schwere Kompanie hatte M.G. 42 und einen mit 8-cm-Granatwerfern vollständig ausgerüsteten Zug. Auch Munition war ausreichend vorhanden.“ Übereinstimmend schrieb Erwin NEUPERT, Angehöriger des Artillerie Regiments der Division, am 9. April in sein Tagebuch: „An Waffen empfingen wir 27 ganz neue Karabiner, 8 MG, 40 Pistolen, Reinigungsgeräte, Leuchtpistolen und Werkzeug.“ Christian SCHÜRDT, der ebenfalls dem Artillerie Regiment angehört hatte, schreibt: „Geschütze neu, Geschirre neu, Pferdematerial ausgezeichnet.“

Der von der RAD-Flak zur Division „Jahn“ versetzte Gerhard SCHULZ weiß ebenso von moderner Bewaffnung zu berichten: „Unsere Gewehre 98 k wurden eingezogen und jeder Mann erhielt ein Sturmgewehr mit sieben gefüllten Magazinen mit je 28 Schuß. Fast jeder zweite Mann hatte eine Pistole. Es waren Unmengen davon vorhanden, einschließlich Munition. Ferner Panzerfäuste, MG 42, Panzerschreck noch und noch. - Ehrlich, wir faßten wieder Mut und Zuversicht. - Nicht zu vergessen, Granatwerfer 81 mm mit allem Zubehör wurden zusätzlich an jede Einheit ausgegeben und kurze Einweisungen erteilt. Man kann sagen, wir waren bis an die Zähne bewaffnet.“

Trotz dieser optimistischen Berichte fehlte infolge von Transportproblemen fast bis zuletzt ein Teil der notwendigen Waffen und Ausrüstungsgegenstände. Hans FISCHER, zur Artillerie der Division in Neues Lager gehörig, berichtet, daß ihm ein Kamerad eine 08-Pistole gegen Zigaretten eintauschte. Außerdem zeigt die Fundlage auf den Gefechtsorten der Division, daß die Kampftruppe, dabei auch der mit ihr eingesetzte Volkssturm, mit einer bunten Mischung von damals modernster deutscher Wehrtechnik neben verschiedensten ausländischen Beutewaffen und Improvisationen ausgestattet war. Am 15. April waren von 3 779 planmäßig geforderten Gewehren erst 828 bei der Truppe. Auch die 400 Maschinenpistolen fehlten noch. Zwar waren für die Artillerie an diesem Tage schon die acht schweren Feldhaubitzen da, doch die achtzehn leichten Feldhaubitzen sind noch nicht eingetroffen gewesen.

Der Geschützführer Hans FISCHER schreibt in seinen Erinnerungen zum 12. April: „Von unseren zukünftigen Geschützen, Protzen und Bespannungen ist aber rein gar nichts zu sehen.“ Nach seiner Aussage war am 15. April die Ausrüstung und Bewaffnung der leichten Abteilung des Artillerie Regiments komplett. Dazu fand eine Pferdemusterung statt. „Es schienen biedere Landwirte zu sein, die da ihre letzten Tiere vorführen mußten. Ich machte mir Gedanken, ob diese Pferde unsere Gespannpferde werden sollten. Sie waren doch sicher noch nie in unseren Geschirren oder in den Gespannen als Sattel- oder Handpferd mehrspännig vor Protzen mit Geschützen gefahren.“5

Erst kurz bevor die Division in Gefechte verwickelt worden ist, sind die letzten schweren Waffen angekommen. So wurden die leichten Feldhaubitzen (le. FH 40) aus Hamburg gebracht. Das Schanzzeug holte man aus dem Sudetengau per LKW heran. Das Lederzeug für die bespannte Artillerie traf erst am 18./19. April ein. Offensichtlich kamen beachtliche Mengen gar nicht mehr zur Verteilung. So sah Gerhard SCHULZ beim Rückzug seiner Einheit im Wald nördlich Forst Zinna „an Stangen zwischen den Kiefern Unmengen von Pferdegeschirr, auf dachförmigen Gestellen lagerten tausende Pferdesättel.“

Ein besonderes Problem stellte noch die Uniformierung dar. Wie PECHMANN bei den Überlebenden erfragte, erinnerten sich die meisten RAD-Angehörigen, daß sie die Uniform des Arbeitsdienstes anbehielten. „Aber schon bei den Dienstgradabzeichen gehen die Meinungen auseinander,“ stellte er fest, denn ein Teil meinte, auch die Rangabzeichen des RAD behalten zu haben, andere erinnerten sich, daß die der Wehrmacht übernommen wurden. Vielleicht ist bei dem allgemeinen Durcheinander alles beides richtig. Abschließend stellt PECHMANN zu dem Punkt fest: „Wie problematisch es sein kann, sich nur auf die Erinnerung zu stützen, illustriert folgender Umstand: Während Maj. a.D. KONOPKA 1985 schreibt: ‘Wir blieben in RAD-Uniform mit geringen Ausnahmen, ohne unsere Armbinde’, sagte er in einem Gespräch mit dem Verf. am 26.8.1989: ‘Durch Vermittlung von GenArbf. v. BOTHMER wurde mein Regiment komplett mit Wehrmachtsuniform eingekleidet. Begründung von BOTHMER: Wenn die euch schnappen in Arbeitsdienstuniform und mit Gewehr, werdet ihr sofort erschossen als Partisanen oder ähnliches.’“ Und wie die weitere Geschichte zeigt, sind derartige Erschießungen von Gefangenen auch tatsächlich vorgekommen.

Ebenso wie bei der Ausstattung der Truppe mit Waffen, ist bei der Ausgabe der Verpflegung keine Ordnung mehr gewesen. Während die einen Rübenschnitzel aus den Pferdekrippen aßen, weil sie nicht satt wurden, hatten andere keinen Grund zum Klagen. „Zu jeder Tageszeit war Essenausgabe, weil ständig neue Einheiten eintrafen,“ schreibt G. SCHULZ, der in der Nähe des Bahnhofs einquartiert war. „Die Verpflegung war sehr gut, es wurde nicht geknausert, sondern reichlich zugeteilt.“ Kurt VEITH dagegen schreibt: „Die Verpflegung ließ sehr zu wünschen übrig.“ Er war als Untertruppführer des RAD aus Kärnten/Österreich nach Jüterbog gekommen und dann einem Granatwerferzug in den Fuchsbergkasernen zugeteilt. „... immer sehr hungrig begann die Ausbildung an diesem Gerät.“

Nach den Erinnerungen von Ewald SCHÖNWIESE war die Division ab 16. April, dem Tag, an dem die Rote Armee in breiter Front die Oder überschritt, in erhöhter Alarmbereitschaft. „Es war kein Dienst mehr, Ausgangssperre, Urlaubssperre. Wir empfingen scharfe Munition, Handgranaten, Panzerfäuste sowie Karabiner und Sturmgewehre. Die Waffen blieben ‘am Mann’ bzw. wurden auf den Zimmern aufbewahrt.“ In der Nacht vom 17. zum 18. April 1945 traf die RAD-Flak-Batterie 10./772 in Jüterbog ein. Die mit 8,8 cm Geschützen ausgerüstete Einheit lag zuerst in Aligse/Lehrte, später in Kreuz-Ebra und schließlich Rückzug über Elbingerode, Dessau, Roßlau, Aschersleben bis Jüterbog, wo in der Nähe des Bahnhofs ein Barackenlager bezogen wurde. „Wir hatten uns in den Unterkünften kaum richtig eingerichtet, da gab es Alarm und schon fielen in dichten Reihen die Bomben, die dem Bahnhof gegolten haben,“ schreibt Gerhard SCHULZ, der damals zu der Flakbatterie 10./772 gehört hatte. Dieser Bombenangriff brachte der in Aufstellung befindlichen Division „Jahn“ die ersten Verluste.

Die ersten Toten hatte die Division bei der Ausbildung an der Waffe zu beklagen. So sind beim Übungsschießen mit der Panzerfaust und „Panzer-Gretchen“ zwei Mann umgekommen. Darüber hinaus ist im städtischen Sterbebuch vermerkt, daß am 18. April um 8.40 Uhr ein Füsilier vom 2. Füsilier Bataillon der Division „Friedrich Ludwig Jahn“ infolge eines Halsdurchschuß gestorben war.

Über die Ausbildung schreibt der Unteroffizier Hans FISCHER, „die ersten Tage vergehen mit Einrichten der Unterkünfte und Appellen; wir ahnen ja nicht, daß uns... nicht einmal 14 Tage zur Neuaufstellung des Artillerie Regiments... Zeit bleiben wird - dabei wird die Zeit vertrödelt!!! Von Geschützausbildung oder Geschützdienst kann vorläufig keine Rede sein. Mit den Männern, die uns als Kanoniere zugeteilt werden, halten wir erst einmal Infanteriedienst sowie Unterricht am Gewehr und MG ab.“ Das richtige Geschützexerzieren konnte, wie H. FISCHER berichtet, da zuvor die Ausrüstung fehlte, erst ab dem 15. April beginnen. „Sogar das Auf- und Absitzen, das wir dann im Einsatz überhaupt nie praktizierten, wurde fleißigst erklärt, vorgeführt, geübt, wiederholt und exerziert. Die anderen Tätigkeiten, die im Falle der Feuerbereitschaft auf die einzelnen Kanoniere zukamen, wurde leider weniger intensiv eingeübt... Mittwoch, 18. April, wir halten theoretischen Unterricht vom Richten ab und können dann auch tatsächlich wieder praktischen einüben, aber kaum vertiefen.“

Am 19. April nahm Erwin NEUPERT auf dem Truppenübungsplatz an einer Schießausbildung mit dem Karabiner 98k teil. „Wir schossen liegend aufgelegt aus 150 m Entfernung, jeder 3 Schuß.“ Auch PECHMANN bestätigt, „von Ausbildung kann kaum die Rede sein“. Wie er begründet, war einerseits die Zeit viel zu kurz und andererseits fehlte es an den notwendigen Waffen und Geräten. „Den Mangel an Schulung und sachgemäßer Ausbildung konnte auch die später bewiesene Einsatzfreude und der Heldenmut einzelner nicht ausgleichen.“ Dr. NEUPERT erklärt heute, daß nach seiner Sicht die Ausbildung in den einzelnen Einheiten sehr unterschiedlich war. Für ihn als Angehörigen des Artillerie-Vermessungs-Trupps begann die Spezialausbildung am 13. April. „Die AVT-Ausbildung habe ich in bester Erinnerung: nach allgemeinen Grundlagen der Kartenkunde lernten wir ‘Vorwärts- und Rückwärtseinschneiden’ und legen eines Streckenzuges in Theorie und Praxis. Noch am 19. April notierte ich: ‘Abends) zeichnete ich noch einen Streckenzug...’“

Der 19. April 1945, das ist auch das Datum, an welchem die Division „Jahn“ ihren ersten Einsatzbefehl bekam. Das zuerst einsatzbereite Infanterie Regiment 1 unter Major KONOPKA war nach Südwesten in Marsch gesetzt worden, um an der Elbe einen Brückenkopf der Amerikaner beseitigen zu helfen. Doch am Nachmittag des 19. April ist beim „Führervortrag“ entschieden worden, die RAD-Inf. Div. „Friedrich Ludwig Jahn“ kommt nicht wie vorgesehen in den Verband der 12. Armee, sondern ist wegen des Vordringens der Roten Armee vorübergehend dem Kommandanten des Verteidigungsbereichs Berlin zu unterstellen. „Der Führer äußert hierzu noch ergänzend, daß ein Einsatz der Division bei 9. Armee nicht in Frage kommen darf.“ Das hieß nun für das 1. Regiment, das bereits Richtung Wittenberg unterwegs war, „Kehrt!“ und die 25-30 km wieder zurück. Josef PECHMANN hebt die psychologische Wirkung dieses Frontwechsels hervor. „Meine 2. PakBattr. war mit dem I.R. 1 Richtung Elbe losmarschiert, und ich erinnere mich sehr gut an diesen Marsch. Wir trotteten hinter unserem Funkwagen her... und fluchten nicht wenig, als der Befehl zum Kehrtmachen durchkam. Erstens waren wir schon müde und wollten nicht einsehen, daß wir wieder nach Jüterbog zurückmarschieren sollten. Zweitens vermuteten wir richtig, daß es nun nicht mehr gegen den Westen, sondern gegen die Sowjets ging - und dazu hatten wir wenig Lust.“

Am 20. April 1945 wurde die Division „Jahn“ durch den Vorstoß der sowjetischen 4. Garde-Panzerarmee überraschend von Südosten her angegriffen. KUROWSKI gibt dafür fälschlich den 24. April an. Während die Divisionen „Hutten“, „Körner“ und „Schill“, einschließlich anderer Teile der 12. Armee nach Osten Front machten, um die Berlin einschließenden sowjetischen Armeen anzugreifen, stand an diesem 24. April die Division „Jahn“ schon seit vier Tagen in schweren Rückzugsgefechten. In einem Befehl des Oberkommandos der Wehrmacht vom 24. April heißt es: „Die Infanterie-Division ‘Friedrich Ludwig Jahn’ wird ab sofort dem OKH unterstellt. Der Divisionskommandeur hat ohne Rücksicht auf Abschluß der Aufstellung seiner Division zum Abmarsch nach Norden oder Osten bereit zu sein und selbst mit dem OKH Verbindung aufzunehmen.“ Leider gibt KUROWSKI keine Quelle zu den von ihm zitierten Befehlen an. Auch PECHMANN weist darauf hin, daß es wenig plausibel erscheint, nachdem die Division bereits vier Tage im Kampf stand, noch von „Rücksicht auf Abschluß der Ausbildung“ und „Abmarsch“ nach Norden zu reden. Gleiches gilt zu dem Telefonat, das laut KUROWSKI Oberst WELLER mit dem Oberkommando des Heeres geführt haben sollte. Dabei hätte WELLER den Befehl erhalten: „Sie haben sofort den Marsch nach Potsdam anzutreten und sich dort bei General REYMANN, dem Befehlshaber der Korpsgruppe Potsdam, zu melden.“ Zu der Stunde war richtigerweise der erste Divisionskommandeur, Oberst KLEIN, schon in sowjetischer Gefangenschaft und Oberst WELLER führte in der Folge das Kommando. Doch WELLER war frühestens am 24. April beim Divisionsgefechtsstand in Michendorf eingetroffen, und am selben Tag hatte bereits der Stab eigenständig die Verbände der Division im Süden Potsdams so gut wie möglich geordnet.

Wie LE TISSIER schreibt, wirft es „ein bezeichnendes Licht auf den Zustand der Nachrichtenverbindungen“, wenn in Berlin niemand wußte, wo sich die Division „Jahn“ zu der Zeit befand. Ausgeschickte Melder fanden schließlich den Divisionsstab nördlich Trebbin. Generalleutnant Hellmuth REYMANN, seit dem 8. März 1945 Kampfkommandant von Berlin, suchte den Stab der Division persönlich auf. Sein Eindruck war der denkbar schlechteste. Durch den völlig unerwarteten Angriff der Roten Armee auf den noch in Aufstellung befindlichen Verband sind dessen Truppenteile in verschiedene Richtungen zerstreut oder aufgerieben worden. „Einige Mannschaften von zwei Regimentern konnten sich retten, die Artillerieausstattung... ging fast völlig verloren. Der Divisionskommandeur ... war beim Versuch, den Kontakt zum dritten Regiment wiederherzustellen, in sowjetische Gefangenschaft geraten.“ Unter diesen Umständen war der von General KREBS, Chef des Generalstabs des Heeres, herausgegebene Befehl total unsinnig, daß die verbliebenen Teile der Division zusammen mit einer kleinen Panzergruppe aus Wünsdorf, „den Gegner südlich Berlins zurückzuschlagen habe“. Denn der Gegner bestand aus zwei kampferprobten sowjetischen Panzerarmeen! General REYMANN, der die Division „Jahn“ in seinem Befehlsbereich hatte, ignorierte diesen Befehl und beorderte statt dessen die Reste der Division nach Potsdam. Von hier aus zog sich die Masse kämpfend bis zur Elbe zurück, wo der Übergang zu den Amerikanern angestrebt wurde.

Abschließend kann festgestellt werden, daß die Division „Jahn“ in den 19 Tagen, die ihre Existenz währte, zu keinerlei Angriffsoperation fähig war, „ihr Einsatz bestand lediglich in Abwehr und Rückzug“. Eine weitere Besonderheit besteht darin, daß dieser Verband, der erst mit dem 29./30. April 1945 in den Befehlsbereich der 12. Armee kam, ausschließlich gegen die Rote Armee zu kämpfen hatte. Demzufolge lieferten die Amerikaner gemäß einer Vereinbarung der Alliierten die Angehörigen der Division „Jahn“, die sich auf das westliche Elbufer gerettet hatten, wieder an die sowjetischen Truppen aus. Ein Schicksal, das selbst einigen Angehörigen der Waffen-SS erspart blieb, wenn sie belegen konnten, daß sie auch gegen die US-amerikanischen Truppen gekämpft hatten.

(Quelle: Henrik Schulze, Geschichte der Garnison Jüterbog, Osnabrück 2000. Hier sind auch die entpsrechenden weiterführenden Quellenangaben zu finden.)